OTZ | Jena, Mit Orthese zum Dirigentenpult

OTZ | Jena, Mit Orthese zum Dirigentenpult

Nikolaas Schmeer bekam von PHILmed - Mitarbeiter Bert Kirchner für die rechte Hand eine Hilfe für den Taktstock. 

Jena. Wer einem Dirigenten bei der Arbeit zuschaut, der sieht sein Gesicht, auf dem sich die Musik widerspiegelt, vor allem aber seine Hände, die den Rhythmus vorgeben und ein ganzes Konzert zu formen scheinen. Ja, die Hände sind das wichtigste Werkzeug für einen Dirigenten. Folglich muss er sich auf sie verlassen können.

Dessen ist sich Nikolaas Schmeer voll bewusst. Der 18-jährige Abiturient des Anger-Gymnasiums ist zwar noch kein studierter und fertig ausgebildeter Dirigent, aber er will es unbedingt werden. Es ist schon lange sein Berufstraum. Er hat in diesem Metier auch schon erste Erfahrungen gesammelt, zum Beispiel im Knabenchor der Jenaer Philharmonie, wo er nicht nur bei den Männerstimmen mitsingt, sondern auch schon des Öfteren die jungen Sänger des Knabenchores dirigiert hat.

Dirigierunterricht schon an Weimarer Hochschule

Und er nimmt schon lange fleißig Unterricht bei Joan Pagés Valls, dem Leiter des Orchesters des Hochbegabtenzentrums am Musikgymnasium Schloss Belvedere Weimar, der auch Mitarbeiter für Dirigieren am Institut für Dirigieren an der Musikhochschule „Franz Liszt“ Weimar ist.

Allerdings hat Nikolaas ein Handicap. Seine rechte Hand weist eine Fehlbildung auf. Nicht alle Finger sind komplett vorhanden. Die Folge ist, dass er den Taktstock nur schwierig in einer festen Position halten kann. Es sei zwar bislang irgendwie gegangen, wie er erzählt, aber eben nur ziemlich anstrengend. Wenn man bedenkt, dass ein Konzert oft über zwei Stunden geht, dann ist das nicht so einfach.

So wandte sich Nikolaas‘ Vater an das seit 15 Jahren ortsansässige Jenaer Unternehmen „Philmed Gesundheit GmbH“ und den dort tätigen Orthopädietechnik-Mitarbeiter Bert Kirchner, ob er den Jungen nicht mit einem kleinen Hilfsinstrument unterstützen kann. Und Bert Kirchner und Philmed konnten tatsächlich helfen! So nahm Bert Kirchner Maß an der Hand von Nikolaas, fertigte eine Gipsform und ließ darauf aufbauend eine Orthese entstehen.

Sie ist relativ unscheinbar. Wenn man es nicht weiß, dann fällt dieses Hilfsmittel in der Hand des Benutzers gar nicht auf. Die Orthese aus Kunststoff steckt unterhalb des Handrückens . Der Dirigierstab kann somit fest und sicher gehalten werden.

Dass dem so ist, kann der Abiturient nur bestätigen. Die Orthese ist auch recht schnell aufzuziehen und wieder abzulegen. So hat Nikolaas Schmeer auch gleich noch eine weitere Orthese dieser Art bestellt, damit er auch zum Wechseln immer etwas zur Verfügung hat.

Der 18-Jährige, der übrigens aus einer deutsch-venezuelanischen Familie stammt und vor Jahren aus Caracas nach Jena gekommen ist, weil sein Vater hier eine neue Arbeit aufgenommen hatte, war anfangs etwas skeptisch. Aber die Skepsis wich der Erfahrung mit dem inzwischen beim Üben mit dem Stab bestens handhabbaren Hilfsmittel. Nun hofft der junge Mann, vielleicht nächstes Jahr mit dem Studium in einer Dirigierklasse beginnen zu können, möglichst an der Weimar Hochschule oder auch an einer anderen Einrichtung. Schließlich möchte er den direkten Weg zum Dirigieren gehen und nicht erst den Umweg über das Studium eines Musikinstruments nehmen, obwohl er auch Kirchenorgel und Klavier spielen kann.

Für Bert Kirchner, der seit Anfang 2017 im Sanitätshaus „Philmed Gesundheit GmbH“ arbeitet und ursprünglich aus einem traditionsreichen Jenaer Orthopädie-Unternehmen stammt, war die Dirigenten-Orthese nicht das erste Mal, dass er Musikern helfen konnte. Vor Jahren bat auch eine Geigerin um Unterstützung. Sie hatte ebenfalls ein Handicap. Ihr fehlten an der rechten Hand die Finger, so dass sie nur einen Geigen-Bogen benutzen konnte, der ein Viertel kürzer war als normal und mit einer Halterung für ihre Hand versehen war. Die Kirchner-Werkstatt passte den neuen, größeren Bogen, mit dem die Geigerin nun spielen wollte, der Hand so an, dass die Musikerin seitdem ihr Handicap im wahrsten Sinne des Wortes überspielen kann.

Orthopädie-Werkstatt liefert Unikate

Bert Kirchner ist schon stolz auf seine Arbeit und seine Erfahrungen, Fähigkeiten und Fertigkeiten der Orthopädietechnik. „Alles was unsere Werkstatt an Hilfen verlässt, sind Unikate«, sagt er. Auch anderen Musikern habe man nach Operationen oder Unfällen helfen können. Etwa einem Posaunisten durch ein spezielles Griffstück.

Es komme eben darauf an, mit den Betroffenen sehr genau und einfühlsam zu reden und im Gespräch mit ihnen genau das zu ermitteln, was wirklich im konkreten Fall individuell gebraucht werde. Und das müsse dann auch im praktischen Gebrauch angepasst werden – je nachdem, wie ein Nutzer mit dem Hilfsmittel zurechtkommt.

Für Nikolaas Schmeer ist mit der Orthese nun der Weg hin zum professionellen Dirigentenpult ein gutes Stück erleichtert worden. Und vielleicht hören wir ja in einigen Jahren wieder von ihm als erfolgreichen Dirigenten ...

 

                                                     Veröffentlich: 07.Oktober 2017 / 02:59 Uhr, Michael Groß

 

 

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